Buchrezension: Kai Psotta – Die Paten der Liga

Ohne sie läuft das Business heute nicht mehr, sie ziehen die Fäden und haben unter Fußball-Fans einen noch schlechteren Ruf als die Leute, die sich bei alten Leuten am Telefon als Enkel ausgeben und sie um den Inhalt ihres Sparstrumpfes bringen: Spielerberater.

Ist es wirklich wahr, dass der Großteil von ihnen unseriöse Schmierlappen sind? Werden in Hinterzimmern irgendwelcher Spelunken die Transfers im Profifußball ausgeknobelt? Und ist es wahr, dass Spielerberater grundsätzlich immer ihre Klienten transferieren wollen, weil sie dabei mehr verdienen als bei einer Vertragsverlängerung? Einen Einblick in die Welt der Spielerberater gibt der Journalist Kai Psotta, der hauptberuflich für die Bild über den FC Bayern berichtet.

Die Geschäfte der Spielerberater sind für Normalsterbliche undurchsichtig. Häufig genug fluchen Fans und fragen sich, wieso ein Spieler seine Verträge nicht selbst aushandeln kann und dazu unbedingt einen Berater brauchen.

Abgezockt

Dass Profiverträge heute zu komplex sind und es um zu viel Geld geht, als dass der 20-jährige Otto Normalfußballer sie in all ihren Facetten durchschauen könnte, ist mittlerweile wohl aber akzeptiert. Eindrucksvoll hat der schwedische Superstar Zlatan Ibrahimovic in seiner Autobiografie beschrieben, wie er als junger Spieler ohne Berater bei seinem Transfer von Malmö FF zu Ajax Amsterdam über den Tisch gezogen wurde.

Foto: Piper Verlag

Foto: Piper Verlag

In 20 Kapitel gliedert sich Psottas Buch und er lässt viele Protagonisten zu Wort kommen, Spielerberater, aber auch Vereinsmanager. Viele davon allerdings anonym, was angesichts der Brisanz vieler Aussagen verständlich ist. Es geht um normale Bundesliga-Transfers, um den „Handel“ mit jungen Talenten, aber auch um die echten Top-Transfers. Er stellt seriöse Berater vor, die zwar Geld verdienen wollen, aber tatsächlich stets im Sinne des Spielers entscheiden.

Der Fall Götze

Er beschreibt auch negative Beispiele, in denen Spieler schlecht beraten wurden oder einfach dilettantisch, von irgendwelchen Brüdern, Cousins oder Vätern. Er schildert Anekdoten von Nebelkerzen, die gezündet werden, um einen Transfer bis zuletzt geheim zu halten.

 
Für BVB-Fans interessant sind sicher die Umstände der Transfers um Lucas Barrios, Ilkay Gündogan und Mario Götze. In letzterem Fall versucht Psotta allerdings ziemlich eifrig, die „offizielle“ Lesart zu verkaufen, nach der Götze ursprünglich tatsächlich vorhatte, dem BVB bis in alle Ewigkeit treu zu bleiben und ihn dann einzig das Erscheinen des katalonischen Messias Guardiola für einen Wechsel zum Rekordmeister erwärmen konnte. Dass man Götze dort außerdem mit geschätzten 12 Millionen Euro im Jahr tot schmeißt und dieser Grund bei der Entscheidung sicher nicht völlig irrelevant war, verschweigt er taktvoll.

Lewandowski?

Etwas überraschend außerdem, dass Psotta als Bayern-Reporter das wohl am meisten Aufsehen erregende und ebenso nervtötende Beispiel der Intervention von Spielerberatern in jüngster Zeit mit keinem Wort erwähnt: Den Wechsel von Robert Lewandowski von Borussia Dortmund zum FC Bayern. Dieser Schmierenkomödie hätte man sicher ein eigenes Kapitel widmen können. Es wäre interessant gewesen, wie jemand das Verhalten von Lewandowskis Berater einschätzt, der sich so eingehend mit dem Business beschäftigt hat, wie Kai Psotta. Schade.

Dennoch ist es ein interessantes Buch. Es gibt einen tiefen Einblick in die Geschäfte der Spielerberater, der für jeden Fußball-Fan äußerst spannend sein dürfte, auch wenn er sicher manche Illusion zerstört – wenn sie denn noch vorhanden ist. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Nein, es sind nicht alle Berater unseriöse Schmierlappen. Es sind die wenigsten. Aber die Branche hat sicher eine große Anziehungskraft auf sie.

Kai Psotta, Die Paten der Liga, Spielerberater und ihre Geschäfte, Piper, München 2015, 298 S., 19,99 Euro

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