Buchrezension: Zurück am Tatort Stadion

Immer noch gibt es Fans, die Politik und Fußball strikt trennen möchten. Allzuoft bedeutet das: Sie möchten eine stillschweigende Akzeptanz rassistischer, homophober, sexistischer oder sonstwie diskriminierender Beleidigungen und Sprüche auf den Tribünen. Gegen andere Fans. Gegen gegnerische Spieler. Aber auch gegen Spieler der eigenen Mannschaft.

„Zurück am Tatort Stadion“ ist eine Sammlung von Beiträgen zu dem Thema und eine Fortsetzung der Wanderausstellung „Tatort Stadion„. Sozialwissenschaftler, Psychologen und Fanforscher haben sich wissenschaftlich damit auseinander gesetzt und haben Fan- und Ultragruppen in den deutschen Profiligen, den Amateurligen, aber auch in anderen europäischen Ländern wie Italien, England und der Türkei unter die Lupe genommen. Auch Fans, Ultras und auch ehemalige Profis wie Pablo Thiam kommen zu Wort und berichten über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung im Fußball.  Die Autoren sind allesamt kompetente Fachleute, die sich seit Jahren intensiv mit der Thematik beschäftigen.

Differenziertes Bild

Rassismus, Homophobie, Sexismus, Antisemitismus, Antiziganismus – das Feld der Möglichkeiten zur Diskriminierung ist ebenso weit wie widerwärtig. Interessant ist auch die unterschiedliche Bewertung der einzelnen Bereiche. So gelten rassistische Äußerungen in vielen Fanszenen mittlerweile als verpönt (lange nicht in allen!), während sexistische oder antiziganistische Äußerung dagegen für verhältnismäßig wenig Gegenwind auf vielen Tribünen sorgen.

Foto: Verlag Die Werkstatt

Foto: Verlag Die Werkstatt

Die Autoren zeichnen ein differenziertes Bild und machen klar, dass keineswegs hinter jeder diskriminierenden Äußerung eines ein geschlossenes Weltbild steht, sondern dass Äußerungen im Fußballkontext häufig als „nicht so schlimm“ und „nicht so gemeint“ entschuldigt werden. Dass es allerdings Fanszenen gibt, die stark von Rechtsextremisten unterwandert sind, ist ja nun kein Geheimnis. Hier nennen die Autoren viele Beispiele und gehen auf Geschichte und Hintergründe ein.

Überblick

Das letzte Kapitel gibt einen Überblick über Gegenbewegungen und Faninitiativen, die sich dem Kampf gegen Diskriminierung widmen.

„Zurück am Tatort Stadion“ ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest. Dafür ist es zu komplex. Vermutlich könnte man über jede Diskriminierungsart eigene Bücher schreiben. Allerdings gibt das Buch einen guten und vielseitigen Überblick und ist interessant zu lesen. Und es wird deutlich, dass einige aktionistische Maßnahmen nicht ausreichen, um einen nachhaltigen Bewusstseinswandel herbeizuführen. Und dass es trotz aller erfolgreichen Projekte immer noch viel zu tun gibt, wird dem Leser spätestens nach der Lektüre des Buches deutlich.

Gerd Dembowski u.a. (Hrsg.): Zurück am Tatort Stadion, Diskriminierung und Antidiskriminierung in Fußball-Fankulturen, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2015, 384 S., 19,90 Euro

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