Buchrezension: Ben Redelings – Fußball Fasten

Es ist der Horror eines jeden Fußballfans: Ausgerechnet im Monat Mai, mitten im Bundesliga-Endspurt, ist Ben Redelings von jeglichem Fußballgeschehen abgeschnitten. Freiwillig. „31 Tage ohne Fußball“ hieß das Experiment, dass er sich auferlegt hat. Er stellt sich die Frage: Kann man es schaffen, in einer Großstadt wie Bochum zu leben, Fan eines Zweitligisten zu sein, der gerade noch um den Klassenerhalt kämpft und sich trotzdem komplett von sämtlichem Fußball abschotten?

Natürlich kommt einem als Erstes die Frage in den Sinn: „Warum sollte man das überhaupt wollen?“ Andererseits leben wir in einer Welt, in der praktisch jeden Tag Fußball im Fernsehen läuft. Die Spieltage sind auf drei oder vier Tage zersplittet und der Trend geht zu einer weiteren Zersplitterung. Jede noch so exotische Europa-League-Paarung läuft irgendwo im Pay-TV und als wenn das nicht genug wäre, ist Fußball das beherrschende Thema in allen Medien. Es gibt unzählige Sportseiten und Zeitschriften, die sich hauptsächlich dem runden Leder widmen, auch andere Medien berichten. Fakt ist auch, dass wir heute mit Fußball geradezu erschlagen werden. Jede Äußerung, jeder Trainingsabbruch, einfach jede unbedeutende Kleinigkeit wird in den sozialen Netzwerken zu einer großen Geschichte aufgekocht. Und selbst dem hartgesottensten Fan wird das manchmal zu viel.

Foto: Verlag Die Werkstatt

Foto: Verlag Die Werkstatt

So ging es auch Ben Redelings, der ja nun davon lebt, über Fußball zu reden und zu schreiben. Dass es dennoch nicht einfach wird, geht ihm schon zu Beginn des Experiments auf, als er eine Reise nach Köln ins 1Live-Studio plant: „Ob der FC heute spielt, schaue ich gleich mal nach. Oder Leverkusen, Düsseldorf, Gladbach, Dortmund, Schalke, RWE, Duisburg… Der Großraum Ruhrgebiet und Rheinland ist wahrscheinlich ein traumhaft guter Ort, um sich auf so ein Experiment einzulassen.“

Viele Fallstricke

Beim Lesen des Buches wird einem bewusst, wie omnipräsent der Fußball tatsächlich ist. Viele Fallstricke lauern. Redelings trifft eine Menge Vorsichtsmaßnahmen. Er informiert Familie, Freunde und Bekannte über seine Absichten. Die tägliche Tageszeitung wird vor der Lektüre von Redelings Frau auf Fußballinhalte kontrolliert und diese von ihr mittels Schere operativ entfernt. Dass sie dann doch mal was übersieht, treibt Redelings in einen totalen Medienboykott – der ihm schwerfällt, weil er dadurch auch kaum noch etwas vom Weltgeschehen mitbekommt. Verdächtige Mails und SMS überprüft seine Frau auf „gefährlichen“ Inhalt. Und trotzdem passiert es im Laufe des Experiments das eine oder andere Mal, dass er doch eine Information mitbekommt. Ein totaler Fußball-Blackout funktioniert offenbar nicht.

Was kommt dabei raus, wenn ein Mann, der immer über Fußball schreibt, nun darüber schreibt, dass er sich vom Fußball vollkommen fernhält? Auf jeden Fall ein Buch mit interessanten philosophischen Betrachtungen. Dass man nicht wirklich jede noch so kleine Information rund ums hysterische Fußballgeschäft wirklich braucht, wird einem nach der Lektüre sicher noch bewusster.

Ausgestoßen

Redelings schwankt während seiner Abstinenz zwischen unerwarteter Gelassenheit und dem bitteren Gefühl der Ausgestoßenheit. Dass jeder außer ihm weiß, ob sein Herzclub in der nächsten Saison zweit- oder drittklassig kickt, macht ihm zu schaffen. Und so versucht er natürlich doch, Verhalten von Familienangehörigen oder andere Signale irgendwie hinsichtlich der Ergebnisse des VfL Bochum zu deuten. Das ist witzig zu lesen und für jeden Fußballfan gut nachzuvollziehen.

Als er am letzten Bundesliga-Spieltag mit seiner Familie ein Volksfest besucht, wundert er sich über die Menschen. „Auf dem Fest war es bereits rappelvoll und noch immer strömen die Menschen Richtung fußballfreiem Trubel. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich verwundert frage: Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun? In knapp 15 Minuten ist die Saison zu Ende, in neun Stadien treibt genau in diesem Moment das atemberaubende Finale auf den Höhepunkt zu und ihr lauft hier locker-flockig in Richtung Karussell und Backkartoffeln? Was seid ihr nur für komische Leute?“

Wie präsent ist der Fußball?

Er beschließt, sein Experiment nicht abrupt zu beenden, sondern es langsam ausschleichen zu lassen. Er sucht immer noch nicht aktiv nach Fußball-Informationen, hält sich aber auch nicht mehr die Ohren zu, wenn über Fußball geredet wird.

Das Buch ist definitiv interessant zu lesen. Man fängt an zu überlegen, wie präsent der Fußball im eigenen Leben eigentlich ist. Könnte man selbst auch 31 Tage völlig drauf verzichten? Und was verpasst man am Ende wirklich? Warum er das Experiment eigentlich gemacht hat, das kann sich Redelings auch einen Monat nachher immer noch nicht richtig erklären, wie er schreibt. Allerdings habe das durchaus etwas verändert in seinem Leben und zu einem bewussteren Medienkonsum geführt. Man merkt, dass Redelings froh ist, dass er nun wieder darf. Aber, dass er nicht mehr jede Kleinigkeit sehen muss, das war sicher die Erkenntnis des Buches.

Ben Redelings, Fußball Fasten. Das Experiment, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2015, 157 S., 12,90 Euro.

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