Die Suche nach dem „echten“ Fußball

Es ist in den letzten Monaten etwas ruhig geworden hier in diesem Blog. Irgendwas hat sich verändert. Die Lust, Ereignisse rund um den Fußball im Allgemeinen und den BVB im Besonderen zu kommentieren, schwand immer mehr. Warum? Die Gründe sind vielfältig.

Als beim letzten Heimspiel gegen Mainz 81.000 Zuschauer im Westfalenstadion für einen verstorbenen BVB-Fan schwiegen und kurz vor dem Schlusspfiff „You’ll never walk alone“ anstimmten, war das unglaublich berührend. Und es ging durch die nationale und internationale Presse. Weil es eine wunderschöne und einfühlsame Geste war, die nicht von oben angeordnet war, nicht choreografiert war, nichts bezwecken sollte, außer dem eigenen hilflosen Gefühl der diffusen Trauer Ausdruck zu verleihen und Trost zu spenden. Es war authentisch. Echt.

Echte Liebe

Zwei Begriffe, die im Fußball oft strapaziert, jedoch immer seltener mit Leben gefüllt werden. Der größte Teil der Fußballfans ist ja nicht dumm, die meisten können das schon ziemlich genau einordnen, warum ein Verein von „echter Liebe“, von überliefertem Malochertum oder von anderen angeblichen Charakteristika eines Vereins spricht. Und möglicherweise haben all diese Marketing-Images auch einen wahren Kern. Die Essenz, wenn man so will, die den alteingesessenen Vereinen wirklich innewohnt, die aber kaum noch zu spüren ist, weil sie bis zum Erbrechen ausgeschlachtet und vermarktet worden ist.

Der BVB spielt einen großartigen Fußball unter Thomas Tuchel und wäre in jeder Liga ohne den FC Bayern mit ziemlicher Sicherheit Meister. In diesem Satz steckt aber schon ein Grund, warum die Begeisterung für Fußball in letzter Zeit etwas abgekühlt ist. Es geht beim Fußball nicht nur um Titel, aber wenn man schon eine Mannschaft hat, die grundsätzlich das Zeug dazu hätte, macht es einfach keinen Spaß, wenn es vorm Zug schon maximal um Platz zwei gehen kann. Das ist, als ob man anfängt, eine Serie zu schauen, bei der das Serienfinale schon vor der ersten Folge ausgestrahlt wird: Kann trotzdem ganz unterhaltsam sein, ist aber irgendwie witzlos. Doch das alleine könnte niemals ausreichen, um mir die Begeisterung am Fußball zu vermiesen.

Retortenvereine

Ganz generell werden in der Bundesliga im Moment genau die Schreckensvisionen Wirklichkeit, die Fans seit Jahren befürchten. Das Werbe-Spielzeug eines österreichischen Brauseherstellers ist im Begriff, in die Bundesliga aufzusteigen. Damit spielen in der kommenden Saison Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und Leipzig in der ersten Liga, allesamt Retortenvereine, die mit willfähriger Hilfe des DFB die 50+1-Regel aushöhlen, sich am Busen eines Konzerns oder eines schwerreichen Mäzens laben und dabei so interessant sind wie ein Aldi-Prospekt vom letzten Monat. Selbst wenn man Leverkusen mal außen vor lässt: Das sind bereits 6 von 34 Spielen, auf die ich jetzt schon keinen Bock habe. Vermutlich werde ich in der kommenden Saison häufiger mal wieder Partien der 2., 3. oder 4. Liga besuchen. Rein von den Vereinen her ist die zweite Liga vielleicht irgendwann interessanter als die erste, zumindest wenn man ein Herz für Traditionsvereine hat.

Dazu kommt die weitere Zersplitterung des Bundesliga-Spieltags. Unter dem Deckmantel der Sicherheit wird am Ende dieser Saison erstmals mindestens ein Montagsspiel stattfinden. Als ob das noch nicht ätzend genug wäre, beweist die DFL dadurch, dass ausgerechnet die Partie Bremen gegen Stuttgart für dieses Experiment ausgewählt wurde, wie scheißegal Fanbelange ihr sind. Mal schauen, wie viele Stuttgarter einen Urlaubstag opfern, um an einem Montag die 630 Kilometer nach Bremen hoch zu juckeln und wieder zurück. Sind ja nur schlappe 1260 Kilometer. Ein halbleerer Gästeblock? Tja, ärgerlich, aber nicht allzu wild. Denn der Hauptgewinn wird im modernen Fußball ohnehin mit Fernsehgeldern erwirtschaftet. Wen interessieren da die paar Hundert Nasen, die ihren Verein auswärts unterstützen möchten?

Neue Märkte

Ist der tradtionelle Wochenendspieltag erst einmal aufgebrochen, wird es sicher nicht mehr allzu lange dauern, bis wir uns an Bundesliga-Spiele am Vormittag, am späten Abend und – um die Kundschaft in Asien zufrieden zu stellen – am frühen Morgen gewöhnen können. Und warum nicht mal das Top-Spiel Dortmund gegen Bayern in Singapur austragen? „Erschließung neuer Märkte“ ist hier das Stichwort! Und dabei ist die Bundesliga dabei, alles zu verspielen, was sie besonders macht: Fankultur, günstige Preise, fanfreundliche Anstoßzeiten, Interaktion zwischen Vereinen und Fans.

In ihrer letzten Ausgabe haben die 11 Freunde eine Reportage über Fans gemacht, die sich vom Fußball abgewendet haben. Ihre Gründe waren erschreckend gut nachzuvollziehen. So weit ist es bei mir (noch) nicht. Und ich kann mir keine Realität vorstellen, in der mein Herz nicht für den BVB schlägt. Doch ich lese immer weniger Sportmedien, habe überhaupt keine Lust mehr, mich mit diesem Fußballzirkus, für den man als Fan ja ohnehin nur noch Staffage ist, gedanklich noch zu beschäftigen. Und bin gleichzeitig traurig darüber, denn meine Leidenschaft für Fußball war und ist mehr als ein Hobby, sie ist Teil meiner Identität!

Umdenken ist nötig

Und bevor die Klugscheißer jetzt aus der Ecke hervor gekrochen kommen und mir vorschlagen, dass ich doch gefälligst zuhause bleiben soll, wenn mir das alles nicht passt (und am besten ihnen doch gleich meine Karte abtreten soll), sei denen gesagt: Genau wegen solcher Menschen wie euch können „die da oben“ das alles ohne weiteres durchziehen. Vereinstreue ist nicht gleichbedeutend mit Kadavergehorsam und nur weil der Verein einem eine Sache als prima verkauft, muss man sie als mündiger Fan noch lange nicht prima finden.

Und nein, ich werde mich mit dieser Entwicklung nicht zufrieden geben. Resignation ist keine Lösung, das habe ich jetzt erkannt. Resigniert haben die Fans in England zum Beispiel viel zu lange. Doch ausgerechnet von der Insel des Fußball-Kommerzes scheint ein Hoffnungsschimmer zu uns hinüber: Nach massiven Fanprotesten hat der FC Liverpool auf eine geplante Preiserhöhung verzichtet. Und die Premier League hat jetzt festgelegt, dass Tickets für Auswärtsfans ab der kommenden Saison nicht mehr als 30 Pfund kosten dürfen. Dazu führt mit Celtic Glasgow der erste britische Profiklub zur kommenden Saison wieder Stehplätze ein. Das klingt nach einer Kleinigkeit, zeugt aber von einem allmählich einsetzenden Umdenken in Bezug auf Fanbelange.

Und genau darum geht es: Nicht um Ablösesummen, nicht um TV-Gelder, nicht um Spielergehälter. Auch nicht um moderne Trainingsplätze und Stadien, in denen man sich nicht permanent eine Bronchitis holt. Auch nicht um die Champions League und vereinseigene TV-Sender. Der Fußball kann sich modernisieren, wie er möchte. Das alles trägt ja auch zur sportlichen Qualität der Liga bei. Doch Fußball wird nicht zu Selbstzweck gespielt, sondern immer noch für die Fans. Und in dem Moment, in dem man den Fans ins Gesicht schlägt, modernisiert sich der Fußball zu Tode. Auch in Deutschland brauchen wir ein Umdenken. Damit es so weit wie in England gar nicht erst kommt.

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8 Gedanken zu „Die Suche nach dem „echten“ Fußball

  1. Sehr gut beschrieben, auch wenn ich nicht ansatzweise so nah dran bin (der letzte Stadionbesuch liegt schon einige Monate zurück), ist die Entwicklung fragwürdig. Klar ist es für meine Borussia (MG) durchaus spannend, weil die Meisterschaft sowieso utopisch, der Kampf um die Plätze 3-7 aber eng ist, doch die Eintönigkeit an der Spitze und die Zunahme der Retortenvereine ist in der Tat bedenklich.

    Zumindest H96 kriegt in diesem Jahr aber die gerechte Quittung für die immerwährenden Versuche der 50+1-Aufweichung 🙂

    Schreib weiter, ich lese Deine Artikel sehr gerne!

    • Danke schön, ich hoffe, ich komme in nächster Zeit wieder mehr ans Schreiben 🙂 (Lese deine Texte übrigens auch gerne!) Was Hannover angeht: Ja, da hast du wohl Recht. Ich bezweifle aber irgendwie, dass ein Abstieg Martin Kind zum Schweigen bringen wird. Wahrscheinlich wird er sich dadurch eher noch bestätigt sehen und stärker denn je gegen 50+1 kämpfen.

  2. Du sprichst viel Wahres an, doch der BVB selbst kommt mir dabei zu gut weg. Ob das Wintertrainingslager inklusive der verbalen Ausfälle von Zorc oder der Rechtfertigung von Cramer, ob das kritiklose Tragen des BILD-Aktions-Enblems, die ziemlich vorbehaltlose Unterstützung der DFB-Kungelbrüder bzgl. der Vergabe der WM 2006, Ticketpreise usw usf: Der BVB und sein Personal an der Spitze unterscheidet sich in Vielem keinen Fingerbreit von anderen Vereinen.

    • Ja, da hast du Recht, das sind alles Themen, die mir auch sauer aufgestoßen sind. Die wären aber im Grunde einen eigenen Artikel wert. Ich habe mir hier auf die allgemeine Entwicklung im Fußball im Bezug auf Fanbelange konzentriert, weil es sonst zu lang geworden wäre und weil das die Themen sind, die mir im Moment am meisten den Spaß am Fußball verleiden. Doch im Grunde müsste man die von dir genannten Punkte noch mal gesondert aufgreifen.

  3. Pingback: #Link11: Kulturensöhne | Fokus Fussball

    • An der Autor der Link11 von Fokus Fußball: Mit Verlaub, aber ich glaube, du hast da irgendwas am Text missverstanden. Ich nehme keineswegs die Geschehnisse rund um den verstorbenen Fan zum Anlass, RB Leipzig die Authentizität abzusprechen. Das ist Unsinn und das schreibe ich auch an keiner Stelle. „Echt“ und „authentisch“ war in diesem Zusammenhang auf die gnadenlose und immer weiterführende Vermarktung bezogen, die viele Vereine (auch der BVB) betreiben. Außerdem ist dies ein Text über all das, was mich zurzeit vom Fußball entfernt hat und ja: ein Kunstprodukt wie Leipzig gehört auch dazu. Ich setze das aber in keinen Bezug zu den Ereignissen im Westfalenstadion. Ich stelle auch übrigens nicht in Abrede, dass RB-Fans zu Emotionen fähig sind..

  4. Pingback: Links anne Ruhr (24./25.03.2016) » Pottblog

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