Romance is dead oder: Auch du, Mats?

Das Netz läuft heiß seit einigen Tagen. Spätestens, nachdem Borussia Dortmund am Donnerstag offiziell bestätigt hat, was schon jeder wusste, gibt es kein Halten mehr: Mats Hummels hat um Freigabe für einen Wechsel zu Bayern München gebeten. Und die Reaktionen? Dürften manch einen verwundern.

Klar gibt es die „Judas“-Fraktion, die sich bis ins Mark verraten fühlt und nun rachsüchtig Hummels-Konterfeis mit dem Stempel „Not my Captain“ in sozialen Netzwerken teilt. Das sind auch gar nicht mal so wenige. Aber erstaunlich viele BVB-Fans nehmen die Hammer-Meldung eher mit einem enttäuschten Achselzucken zur Kenntnis.

Nach Mario Götze und Robert Lewandowski wirbt der FC Bayern nun zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre einen Schlüsselspieler des wohl einzigen verbliebenen Vereins ab, den man mit gutem Willen noch als „Konkurrenten“ bezeichnen könnte. Ob die Tatsache dabei eine Rolle spielt, dass der FC Bayern, Stand jetzt, vor dem 32. Spieltag, immer noch nicht offiziell Meister ist und der Abstand auf Platz zwei möglicherweise zum ersten Mal seit drei Jahren im einstelligen Bereich bleibt? Vielleicht. Diese Methode ist Bayern-Style und weiß Gott nicht neu.

Warum will er das?

Aber warum soll man auf die Bayern schimpfen, weil sie einen der besten deutschen Innenverteidiger verpflichten wollen, der noch dazu in ihrer eigenen Jugend ausgebildet wurde und irrtümlicherweise für nicht gut genug befunden wurde? Den man nun, wo man den schmerzlichen Irrtum erkannt hat, zurückholen will? Letztlich weist das Ganze durchaus Parallelen zur Rückkehr von Marco Reus nach Dortmund auf.

Was man sich schon eher fragt: Warum Hummels unbedingt zu einem Verein zurück will, gegen den er immer mal wieder gestichelt hat, seit er in Dortmund ist, der ihm nicht zugetraut hat, sich durchzusetzen und zudem auch noch seinen Vater gefeuert hat? Ähnlich wie einst Mario Götze scheint Hummels sich beim Blick aufs Münchner Angebot plötzlich an seine Jugend und an seine Wurzeln zu erinnern. Ob er das auch getan hätte, wenn die Bayern ein paar Milliönchen weniger geboten hätten. Wissen wir nicht, darüber können wir nur spekulieren. Fakt ist jedenfalls, dass ihn keiner zwingt, bei Bayern zu unterschreiben.

Neue Herausforderung

Dass Mats Hummels nach acht Jahren in Dortmund eine neue Herausforderung sucht, könnten die meisten BVB-Fans wohl verstehen. Ich jedenfalls kann es. Dass es ausgerechnet Bayern sein muss, irgendwie nicht, wenn man bedenkt, dass er wahrscheinlich zu jedem Topclub in Europa einschließlich Barca und Real Madrid hätte gehen können.

Das Komische ist: Anders als beim Götze-Wechsel hat mich diese Nachricht noch nicht einmal in Rage versetzt. Eher in resignierte Enttäuschung. Et tu, Brute? Auch du, Mats? Angesichts gewisser Aussagen zum Wechsel seines ehemaligen Vereinskollegen Götze (für die er sich jetzt vermutlich in den Hintern beißt), war das zumindest nicht unbedingt naheliegend. Und dann dieses Gefühl: Ok, dann wird die Liga noch langweiliger. Und der BVB wird ein neues Gesicht bekommen.

Hummels wird nicht der einzige sein, der im Sommer geht. Menschlich wohl noch ein weit größerer Verlust dürfte es sein, wenn Neven Subotic den BVB Richtung Liverpool verlässt, wie allgemein erwartet wird. Ilkay Gündogan wird auch gehen, was emotional bei mir allerdings nichts auslöst, da er gefühlt seit drei Jahren auf dem Absprung ist. Vielleicht geht auch noch Henrikh Mkhitaryan. Das Gesicht der Mannschaft wird sich verändern und muss es vielleicht auch.

Absprung ist ein Zeichen

Einige neue Spieler werden kommen. Zur Zeit droht offenbar sogar ernsthaft eine Rückkehr des unsäglichen Mario Götze, der nun plötzlich festgestellt hat, dass selbst ein Jahresgehalt von 12 Millionen irgendwie doch nicht so geil ist, wenn man dafür kaum noch spielt und auch kein besonderes Standing im Verein hat. Vom Helden beim BVB zu einem Söldner unter vielen beim FC Bayern – vielleicht wird es Hummels auch so ergehen. Vielleicht auch nicht. Das braucht einen als BVB-Fan seit gestern eigentlich nicht mehr zu interessieren.

Der bevorstehende Absprung des Kapitäns ist jedenfalls ein Zeichen: Dafür, dass er die Lage der Liga offenbar so einschätzt, dass der FC Bayern auf Jahre hinweg nicht mehr einzuholen ist und Titel auf nationaler und internationaler Ebene für andere deutsche Vereine so eben unwahrscheinlich werden. Daher rührt wohl auch sein Gewissenskonflikt, von dem er jüngst mehrfach sprach. Hummels ist ein intelligenter Spieler und er wird sich durchaus darüber im Klaren sein, dass er genau diese Entwicklung mit seinem Wechsel zu den Bayern weiter zementiert. Andererseits schaut er natürlich auf seine eigene Karriere.

Romantik lässt sich nicht konservieren

Als Fan macht das alles irgendwie keinen Spaß mehr. Nach den magischen Jahren unter Klopp kommen die BVB-Fans nun in der Realität an. Die Romantik, an die man einige Jahre lang glauben durfte, war ein Trugbild. Oder vielleicht war sie zeitweise wirklich Realität, aber sowas lässt sich eben nicht auf ewig konservieren. Die Jahre zwischen 2008 und 2013 waren einzigartig. Und nicht wenige – auch ich – haben derzeit mit einem Kater-Gefühl zu kämpfen, einem Gefühl der Ernüchterung. Der BVB spielt guten Fußball, aber der „Spirit“ der Klopp-Jahre ist, wenn man ehrlich ist, schon vor dessen Abgang allmählich verschwunden. Die Leidenschaft, die Begeisterung, die Mär von den 11 Freunden, die es den Großen zeigt. Das war eine tolle Zeit. Aber sie ist vorbei. Und das wissen auch die Spieler. Einige wenige, wie Marcel Schmelzer oder auch Sven Bender, mögen diesen Geist konserviert haben. Wenn man ganz ehrlich sind, sind sie – bei aller ausdrücklichen Wertschätzung! – aber auch nicht die Spieler, an denen Bayern München oder Manchester United Interesse hat.

Irgendwann kommt vielleicht eine neue „magische“ Ära. Bis dahin ist Alltag angesagt. Und wie im wahren Leben auch kommt es wohl darauf an, dass man sich diesen so angenehm wie möglich gestaltet. Mit ein bisschen Wahnsinn, mit Champions League statt Quäbälä und einem Derbysieg von Zeit zu Zeit. Und einem kühlen Pils dabei. Oder zwei. (Wehe, ihr nehmt uns das auch noch!)

Oh, und eine Frage ist noch offen: Werde ich Mats Hummels nun auspfeifen? Nein, das werde ich nicht. Dafür wiegen seine Verdienste zu schwer, ohne ihn wäre das „Märchen“ von damals nämlich wahrscheinlich nicht möglich gewesen. In einer Zeit, in der die Mannschaft der Star war, war Hummels sicher trotzdem eine der herausragenden Figuren. Werde ich ihn zum Abschied beklatschen und ihm alles Gute wünschen, so tun, als würde er zu irgendeinem x-beliebigen Club in Europa gehen? Nein. Ich werde seine letzten Auftritte im BVB-Dress und seinen Abschied wahrscheinlich genau so begleiten, wie ich die Nachricht von seiner Bitte um Freigabe aufgenommen habe: Ein wenig traurig, resigniert und weitestgehend stumm.

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4 Gedanken zu „Romance is dead oder: Auch du, Mats?

  1. Guter Text! Ich bin nicht wirklich resigniert, sondern tatsächlich recht enttäuscht von Hummels. Dass viele Profis ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, ist selbst mir klar, aber Hummels habe ich – bis jetzt – eben doch immer für einen gehalten, dem man glauben kann, was er sagt, und der die Dinge, die er ausspricht, auch ernst meint. Und vor dem Hintergrund seiner Aussagen nach Götzes Wechsel oder dem „lieber wenige besondere Titel als zigtausende am Fließband“ jetzt also der Wunsch, zu den Bayern zu wechseln. Das passt irgendwie nicht.
    Irgendwie, muss ich da ganz ehrlich sagen, sind mir Spieler – und Menschen – wie Schmelle und Manni da tausendmal lieber. Dann spielen sie halt nicht auf dem Niveau von ManU oder den Bayern, das ist für mich dann aber irgendwo zweitrangig und die Tatsache, dass sie für den BVB alles geben, wiegt das für mich mehr als auf. (Und so ganz schlecht sind sie, rein sportlich betrachtet, ja auch trotzdem nicht.) Aber vielleicht ist das auch eine Position, die ich einigermaßen exklusiv habe, denn auch messbare sportliche Erfolge, also Titel, spielen für mich nicht unbedingt die erste und größte Rolle. Noch ein Grund mehr, warum ich Hummels frühere Aussagen so gut fand und seinen Wechselwunsch jetzt umso weniger nachvollziehen kann.

    • Ich habe auch gedacht, Hummels sei anders und muss auch sagen, dass mich das menschlich schon enttäuscht. Aber die ganz große Wut ist halt merkwürdigerweise nicht da, vielleicht weil wir das alles eben mit Götze schon mal hatten und ich jetzt einfach das Gefühl habe: „Ok, man muss sich damit abfinden, wenn die Bayern rufen, dann werfen die halt alle ihre Ideale über Bord.“ Grundsätzlich sehe ich das ähnlich wie du. Titel sind schön, hat für mich aber auch nicht oberste Priorität. Und Hummels hat sich ja vor Jahren sinngemäß noch ähnlich geäußert. Ich wollte auch Schmelle und Bender nicht diskreditieren, und natürlich sind beides gute Spieler, aber halt nicht oberste Spitzenklasse. Vom Sympathiewert sind für mich beide aber ganz oben. Dennoch weiß man nicht, was passiert wäre, wenn beide in ihrer sportlichen Qualität noch weiter oben wären und ein Angebot von Bayern bekommen hätten. Letztlich muss man wohl einfach festhalten: Fans sind Fans und Profis sind Profis. Und ein Profi wird wohl (mit ganz wenigen Ausnahmen) niemals so an einem Verein hängen, wie wir Fans das tun. Auch wenn man das manchmal gerne glauben möchte. 😦

      • Der Artikel ist wie immer super und trifft es eigentlich auch auf den Punkt. Allerdings liegt Hummels offenbar nicht mal ein Angebot der Bayern vor. Wie man nun hört und liest, soll er sich ja selbst bei den Bayern angeboten oder ins Gespräch gebracht haben. Und das – bei aller Liebe – als Kapitän von Borussia Dortmund, als Identifikationsfigur dieses Vereins. NULL Verständnis. Dieser Wechsel enttäuscht mich noch mehr als der damalige Götze-Transfer. Mario war damals ein Talent – Hummels hat in Dortmund Legenden-Status. Aber der ist nun zerstört. Schönes Wochenende an alle.

  2. Aber eins, aber eins, daß bleibt bestehen: Borussia Dortmund wird nie untergehen!
    Spieler kommen, Spieler gehen und andere Mütter haben auch gute Innenverteidiger auf die Welt gebracht.
    Alles Gute Mats, allerdings nur in der N11😊

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